Kritik am Beighton-Score: Was kann er – und was nicht?

Kritik am Beighton-Score: Was kann er – und was nicht?

Bildquelle: Question Vectors by Vecteezy

Inhalt:


Einleitung

Der Beighton-Score (BS) gilt seit Jahrzehnten als das Standardinstrument zur Einschätzung einer generalisierten Gelenkshypermobilität (GJH) (Malek et al., 2021). Er ist zentral in der Diagnostik des hypermobilen Ehlers-Danlos-Syndroms (hEDS) und der Hypermobilitäts-Spektrum-Störungen (HSD) (Malfait et al., 2017).

Doch: Der Score ist keineswegs frei von Problemen und nicht der über alles erhabene Test zur Identifizierung einer generalisierten Hypermobilität.

Dieser Beitrag geht der Frage nach: Wie verlässlich ist der Beighton-Score wirklich? Und was bedeutet das für Betroffene?


Entstehung des Beighton-Scores

Der Beighton-Score bzw. der Beighton and Horan Joint Mobility Index wurde 1969 von den Ärzten Peter Beighton und Frank Horan im Rahmen einer Studie zur Erfassung orthopädischer Merkmale des Ehlers-Danlos Syndroms entwickelt (Beighton & Horan, 1969). Der Score basiert auf dem einige Jahre zuvor veröffentlichten Carter & Wilkinson-Score (Carter & Wilkinson, 1964).

Beighton und weitere Forschenden nutzten den Beighton and Horan Joint Mobility Index 1973, um eine ländliche Gemeinschaft in Südafrika auf eine Hypermobilität zu untersuchen und Aufschluss über die Altersverteilung der Hypermobilität in einer afrikanischen Population zu gewinnen (Beighton et al., 1973)

Daraus entstand der wohl bekannteste Test zur Identifizierung einer generalisierten hypermobilität- der Beighton-Score.


Aufbau des Beighton-Scores

Der Test umfasst fünf Bewegungen an vier Gelenken und den Rumpf:

  • Daumen: passives Heranführen an die Unterarminnenseite
  • Kleinfinger: passive Überstreckung über 90° im Grundgelenk
  • Ellbogen: Überstrecken über 10° hinaus
  • Knie: Überstrecken über 10° hinaus
  • Rumpf: mit gestreckten Knien nach vorne beugen und Handflächen flach auf den Boden legen

👉 Die maximale Punktzahl beträgt 9 Punkte (Beighton et al., 1973).


Defizite und Unklarheiten des Tests

Der Beighton-Score ist nicht so robust, wie es oft dargestellt wird.

  • Er wurde nie als Diagnosetool entwickelt (Beighton et al., 1973).
  • Es gibt keine Begründung, warum genau diese Gelenke ausgewählt wurden (Beighton et al., 1973, Carter & Wilkinson, 1964).
  • Der Test konzentriert sich stark auf die oberen Extremitäten, viele grosse Gelenke werden nicht berücksichtigt (Malek et al., 2021).
  • Die Verteilung der Gelenke entspricht nicht der Definition einer GJH und kann nicht als Indikator für eine GJH verwendet werden (Malek et al., 2021).
  • Starke Konzentration auf die oberen Extremitäten kann zu falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen führen:
    • Person mit lokaler Hypermobilität der oberen Extremität kann einen BS von 6 erreichen -> wird fälschlicherweise als GJH eingestuft (Malek et al., 2021).
    • Person mit GJH ausserhalb des BS kann übersehen werden (Malek et al., 2021).
  • Unterscheidung zwischen lokaler und generalisierter Hypermobilität nicht möglich -> Unterscheidung für Erkennung einer erblichen Bindegewebserkrankung wichtig (Malek et al., 2021).
  • KeineStandardisierung in der Durchführung: Manche Ärzt*innen messen passive, andere aktive Beweglichkeit, manche mit Winkelmesser/ Goniometer, andere nach Augenmass (Mittal et al., 2022):
    • Ungenaue Resultate und grosse Unterschiede zwischen verschiedenen Untersucher*innen (Vallis et al., 2015).

Folgen: Kliniken wie die «GoodHope EDS Clinic» in Toronto berichten, dass nur etwa 10% der überwiesenen Personen mit einem angeblichen BS von ≥5 wirklich eine GJH und/oder EDS/G-HSD haben (Mittal et al., 2025). Gleichzeitig werden Personen mit einer wahren GJH übersehen und ihnen wird der Zugang zur weiteren hEDS-Abklärung verwehrt.


Cut-Off-Werte – wo liegt die Grenze?

Bisherige Praxis

Kritik

  • Bisher beruhen diese Cut-Off-Werte auf Expert*innen-Meinungen und nicht auf Daten (Williams et al., 2024).
    • Damit besteht die Gefahr falscher Klassifikationen → mit Folgen für Forschung und Betroffene (Malek et al., 2021).
    • Verwendung des Beighton-Scores als Teil des 2017er Kriterium für hEDS wird bemängelt (Malek et al., 2021).
  • Nach Erreichen des 33 Lebensjahr erzielen die meisten ursprünglich hypermobilen Personen mit hEDS keinen Beighton-Score von ≥4 mehr, was ein Cut-Off von ≥5 bis zum 50. Lebensjahr in Frage stellt (Castori et al., 2012; Malek et al., 2021).

Aktuelle Forschungsergebnisse

  • Einige Forschende schlagen vor, die Cut-Offs an Normpopulationen auszurichten (oberste 5 % oder ≥ 2 Standardabweichungen über dem Mittelwert) (Williams et al., 2024).
  • Studie mit fast 29.000 untersuchten Kindern ohne Symptome schlägt ein Cut-Off von mindestens 6 Punkten vor, evtl. sogar ≥7 für Mädchen (Williams et al., 2024).

Laufende Forschung

  • Eine Studie mit > 50’000 Teilnehmenden untersucht aktuell alters- und geschlechtsspezifische Grenzwerte (Williams et al., 2025).
  • Die Studienergebnisse werden in die Überarbeitung der EDS-/HSD-Diagnosekriterien im Rahmen der «Road to 2026» einfliessen.

Lässt der Beighton-Score wirklich Rückschlüsse auf eine GJH zu?

Kinder

  • Studie mit 500 Kindern: Beighton ≥ 5 → Hypermobilität auch in anderen Gelenken. BS eignet sich also, um GJH bei Kindern zu erkennen (Smits-Engelsman et al. 2010).
  • Jedoch haben viele Kinder eine generalisierte Gelenkshypermobilität, welche mit dem älter werden abnimmt. Daher ist es wahrscheinlich, dass Kinder mit einem BS von ≥ 5 häufig weitere hypermobile Gelenke haben. Dieselben Rückschlüsse lassen sich daher nicht auf Erwachsene übertragen (Malek et al., 2021).

Erwachsene

  • Bis heute gibt es keine Validierung, dass der Beighton-Score bei Erwachsenen GJH zuverlässig erfasst (Malek et al., 2021).
  • Einzelstudien zeigen:
  • Problem Vorbeugetest
    • Eher Länge der hinteren Oberschenkelmuskulatur für Bewegung verantwortlich, als Wirbelsäulenbeweglichkeit (Gajdosik et al., 1994).
    • Manöver durch Dehnen der Oberschenkelmuskulatur trainierbar (Klemp & Chalton, 1989)
    • Bei hEDS oft nicht durchführbar, weil die Muskulatur kompensatorisch verkürzt ist (Brock, 2015).
      • Manchmal könnte gerade die Unfähigkeit, das Manöver auszuführen, auf eine generalisierte Hypermobilität hinweisen (Czaprowski et al., 2015).
        • Gefahr: hEDS-Betroffene liegen unterhalb des Grenzwerts und bekommen keine Diagnose (Malek et al., 2021).

Klinische Konsequenzen

  • Fehleinschätzungen:
    • Menschen mit lokalisierter Hypermobilität werden fälschlicherweise mit GJH diagnostiziert, während einige mit wahrer generalisierter Hypermobilität übersehen werden (Malek et al., 2021).
    • Altersbedingte Reduktion der Hypermobilität unzureichend berücksichtigt, was eine Diagnose über 33 erschwert (Castori et al., 2012). In Anbetracht dessen, dass der Diagnoseweg oft sehr lange ist, kann das gravierende Folgen haben (Daylor et al., 2025; Halverson et al., 2023)
  • Vorenthalt der hEDS- Abklärung: Ohne positiven -> keine weitere Diagnostik. GJH als «Schlüssel» zum restlichen Diagnosekriteriumnotwendig (Dr. Alan Hakim).
  • Keine Diagnose = mangelnde Versorgung (?): Zugang zu Therapien, Hilfsmittel, Rentenleistungen und weiteren Unterstützungsangeboten oft nur mit Diagnose möglich.

Blick in die Zukunft

Die Ehlers-Danlos Society und die Arbeitsgruppe, welche an der Überarbeitung der Einteilung und Diagnosekriterien der Ehlers-Danlos Syndrome arbeitet, sind sich den Schwächen des Beighton-Scores bewusst (The Road To 2026: A Path Toward Progress – The Ehlers Danlos Society, 2025).

Sie überprüfen derzeit inwiefern Anpassungen an der Erfassung der generalisierten Hypermobilität sinnvoll sind und wie diese umgesetzt werden können (Review Of The 2017 International Criteria For hEDS And Description Of HSD – The Ehlers Danlos Society, 2025).

Dazu stellen sie sich folgende Fragen:

  • Sollten mehr Gelenke auf Hypermobilität getestet werden?
  • Reichen der Beighton-Score und der 5-teilige Fragebogen aus, um eine generalisierte Gelenkhypermobilität zu erkennen?
  • Würde die Einbeziehung weiterer Gelenke, die nicht im Beighton-Score erfasst sind, das Screening auf generalisierte Gelenkhypermobilität verbessern?

Fazit- was bedeutet das für Betroffene?

Der Beighton-Score ist seit Jahrzehnten das wichtigste Werkzeug zur Erfassung von Gelenkshypermobilität. Er ist einfach, schnell und international verbreitet.

Doch er hat klare Grenzen: Er testet nur wenige Gelenke, lässt eine Unterscheidung zwischen lokaler und generalisierter Hypermobilität zu und arbeitet mit Cut-Off-Werten, die nicht auf wissenschaftlich Daten beruhen.

Gerade bei Erwachsenen führt dies häufig zu Fehldiagnosen: Manche fallen trotz klarer Symptome durchs Raster, andere werden fälschlich als „generalisiert hypermobil“ eingestuft.

👉 Wichtig: Ein niedriger Score schliesst Hypermobilität oder hEDS nicht aus. Ein hoher Score allein bedeutet aber auch keine Diagnose.

Der Beighton-Score darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss immer im Zusammenspiel mit Vorgeschichte, Symptomen und weiteren Befunden interpretiert werden.

Die gute Nachricht: Die hEDS-Diagnosekriterien werden überarbeitet und möglicherweise werden Anpassungen in der Erfassung der GJH erfolgen.

Hey hey, ich bin Livia : )

Bin selbst von hEDS, POTS und weiteren Begleiterkrankungen betroffen und weiss, wie herausfordernd der Alltag mit diesen Erkrankungen ist. Als Drogistin und Wissenschafts-Enthusiastin habe ich mich intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt, unzählige Studien gelesen und an Vorträgen und Events der Ehlers-Danlos Society teilgenommen.

Hier findest du fundierte Informationen, praktische Tipps und persönliche Einblicke, die dir helfen sollen, deinen Weg mit hEDS besser zu meistern. Dieser Blog ist für alle, die Antworten suchen, sich allein fühlen oder einfach Unterstützung brauchen. Du bist hier genau richtig – schön, dass du da bist!


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