Was ist Hypermobilität – und wie wird sie gemessen?

Was ist Hypermobilität – und wie wird sie gemessen?

Inhalt:

Wenn man sich mit hEDS (hypermobilem Ehlers-Danlos-Syndrom) oder HSD (Hypermobilitäts-Spektrums-Störungen) beschäftigt, stösst man unweigerlich auf den Begriff Hypermobilität. Aber was bedeutet das genau – und wie wird festgestellt, ob jemand hypermobil ist?


Was bedeutet Hypermobilität?

  • Hypermobilität beschreibt Gelenke, die über ihren normalen Radius hinaus beweglich sind (Malek et al., 2021).
  • Es handelt sich dabei nicht um eine Diagnose, sondern nur um eine Beschreibung (Malek et al., 2021).
  • Wie beweglich ein Gelenk ist, hängt ab von (Remvig et al., 2007):
    • Alter – Kinder sind beweglicher als Erwachsene (Castori et al., 2012).
    • Geschlecht – Frauen sind meist beweglicher als Männer (Larsson et al., 1987).
    • Ethnizität – weisse Europäer*innen haben seltener eine generalisierte Hypermobilität, als Menschen mit asiatischen, afrikanischen und arabischen Wurzeln (Remvig et al., 2007).

Formen der Hypermobilität

Man unterscheidet (Castori et al., 2017; Malek et al., 2021):

  • Periphere Hypermobilität → betrifft nur Hände und/oder Füsse.
  • Lokale Hypermobilität → betrifft nur ein Gelenk oder eine Gelenksgruppe einer Region (z. B. beide Daumen).
  • Generalisierte Hypermobilität (GJH/GH) → betrifft kleine und grosse Gelenke, verteilt auf alle Extremitäten und den Rumpf.

Eine generalisierte Hypermobilität kann ein Hinweis auf eine erbliche Bindegewebserkrankung sein, z. B.:

Aber: Nicht jede Hypermobilität bedeutet Krankheit – sie tritt auch bei einem Teil der gesunden Menschen auf (Malek et al., 2021).


Wie wird Hypermobilität gemessen?

Zur Feststellung einer generalisierten Hypermobilität im Rahmen der hEDS-Diagnostik, wird der Beighton-Score verwendet- daher ist er fast allen, die sich mit hEDS beschäftigen ein Begriff. Doch neben dem Beighton-Score gibt es weitere Scoring-Systeme, welche Aufschluss über die Beweglichkeit eines Menschen geben können.

Es haben sich Fünf zentralen Scoring-Systeme etabliert:


Carter & Wilkinson-Score

Das erste Scoring-System zur Identifizierung einer generalisierten Hypermobilität. Es wurde entwickelt, um die Häufigkeit einer bleibenden generalisierten Gelenkshypermobilität bei Kindern mit angeborener Hüftluxation, zu messen (Carter & Wilkinson, 1964).

Der Test beinhaltet:

GelenkAnforderung
Daumen -> Abbildung 1. a)Passives Heranführen an die Unterarminnenseite
Fingergrundgelenke -> Abbildung 1. b)Passive Überstreckung, sodass die Finger parallel zum Handrücken liegen
Ellbogen -> Abbildung 1. c)Passive Überstreckung über 10° hinaus
Knie -> Abbildung 1. d)Passive Überstreckung über 10° hinaus
Sprunggelenk/Fuss -> Abbildung 1. e)Übermässige Beugung (Dorsalflexion) und Abspreizung (Eversion)

Die Gelenke werden paarweise bewertet und es kann eine maximale Punktzahl von 5 erreicht werden (Carter & Wilkinson, 1964).

Eine generalisierte Hypermobilität liegt vor, wenn 3 von 5 Gelenkpaaren betroffen sind- diese müssen über die oberen und unteren Extremitäten verteilt sein (Carter & Wilkinson, 1964).

Abbildung 1. Carter & Wilkinson-Score

Beighton & Horan Joint Mobility Index (BHJMI)

Beighton & Horan überarbeiteten den Carter & Wilkinson-Score, um die Gelenkshypermobilität bei EDS-Betroffenen zu erfassen- nicht zur Diagnosestellung (Beighton & Horan, 1969).

Der Test beinhaltet:

Gelenk   Anforderung
Daumen -> Abbildung 2. a)Passives Daumen an die Unterarminnenseite anlegen
Kleinfinger -> Abbildung 2. b)Passives nach hinten Biegen > 90°
Ellbogen -> Abbildung 2. c)Überstrecken ≥ 10°
Knie -> Abbildung 2. d)Überstrecken ≥ 10°
Rumpf -> Abbildung 2. e)Mit gestreckten Knien nach vorne beugen, Handflächen auf Boden
Abbildung 2. Beighton & Horan Joint Mobility Index (BHJMI)

Beighton-Score

Der Beighton-Score basiert auf dem BHJMI– es werden dieselben Gelenke auf die gleiche Weise untersucht. Er wurde 1973 in einer Studie an einer ländlichen südafrikanischen Population angewendet, um die Altersverteilung von Hypermobilität zu untersuchen (Beighton et al., 1973).

Der Beighton-Score ist heute das am weitesten verbreitete Screening-Instrument für Hypermobilität, weil er keine Messinstrumente benötigt, schnell und einfach durchführbar ist (Malek et al., 2021).

Häufig wird ab einem Beighton-Score von ≥ 4 von einer generalisierten Gelenkshypermobilität gesprochen (Malek et al., 2021).

Für die hEDS-Diagnose ist ein Score von ≥ 5 notwendig- vorpubertäre Kinder und über 50-Jährige haben andere Cut-Off-Werte (Malfait et al., 2017).

Abbildung 3. Beighton-Score

Rotès-Quérol-Score

Der spanische Rheumatologe Rotès-Quérol erweiterte den Beighton-Score 1983. Durch die Miteinbeziehung weiterer Gelenke, kann eine generalisierte Hypermobilität besser erfasst werden (Malek et al., 2021).

Der Test beinhaltet:

Gelenk / BewegungAnforderungCut-Off-Wert Kinder (1–14 J.)Cut-Off-Wert Erwachsene (15+)
Ellenbogen -> Abbildung 4. a) Überstreckung≥ 10°≥ 5°
Knie -> Abbildung 4. b)Überstreckung≥ 5°≥ 5°
Kleinfinger-Grundgelek
-> Abbildung 4. c)
Passives Überstrecken≥ 100°≥ 90°
Daumen -> Abbildung 4. d)Passives Daumen an die Unterarminnenseite anlegen
Hüfte -> Abbildung 4. e)Passive Abspreizung (Abduktion) beider Hüften≥ 95°≥ 90°
Grosszehen-Grundgelenk -> Abbildung 4. f)Passives Überstrecken≥ 100°≥ 90°
Halswirbelsäule -> Abbildung 4. g)Passive seitliche Drehung≥ 90°≥ 85°
Lenden-Wirbelsäule Subjektiver Eindruck von ÜberbeweglichkeitJaJa
Rumpf -> Abbildung 4. h)Mit gestreckten Knien nach vorne beugenFäuste berühren den BodenFäuste berühren den Boden
Schulter -> Abbildung 4. i)Passive Aussenrotation≥ 90°≥ 85°

Das Kriterium hat eine maximale Punktzahl von 10, wobei jedes Gelenk nur einen Punkt erhält- egal ob beide Seiten positiv sind (Martínez et al., 2013).

Der Rotès-Quérol-Score unterteilt die Hypermobilität in vier Grade:

  • Grad I: 0-2 Punkte
  • Grad II: 3-5 Punkte
  • Grad III: 6-8 Punkte
  • Grad IV: 8-10 Punkte

Grad III und IV entsprechen einer generalisierten Hypermobilität (Martínez et al., 2013).

Dieser Test ist aufschlussreicher, aber auch zeitaufwendiger als der Beighton-Score (Malek et al., 2021).

Abbildung 4. Rotès-Quérol-Score

Hospital del Mar Kriterien

Bulbena und weitere spanische Forschende entwickelten 1992 den Rotès-Quérol-Score weiter (Bulbena et al., 1992).

Der Test beinhaltet:

Gelenk / TestkriteriumBeschreibung
Daumen -> Abbildung 5. a)Passives Daumen an die Unterarminnenseite anlegen
Kleinfinger -> Abbildung 5. b)Bei flach auf den Tisch aufliegender Hand: > 90° nach hinten beugen
Ellbogen -> Abbildung 5. c)Überstreckung ≥ 10°
Schulter -> Abbildung 5. d)Aussenrotation > 85° bei 90° Ellbogenbeugung und an Körper anliegendem Oberarm
Hüfte -> Abbildung 5. e)Passive Abspreizung ≥ 85°
Kniescheibe -> Abbildung 5. f)Lässt sich bei fixiertem Schienbein deutlich seitlich verschieben
Sprunggelenk/Fuss -> Abbildung 5. g)Beugung des Sprunggelenks ≥ 45° während stehenden Squats (Dorsalflexion)
Gross-Zehen-Grundgelenk -> Abbildung 5. h)Grosszehengrundgelenk > 90° nach hinten beugbar
Knie-Hyperflexion -> Abbildung 5. i)Ferse berührt im Liegen das Gesäss
Blaue Flecken Blaue Flecken nach minimaler bzw. unbemerkter Verletzung

Das Kriterium hat eine maximale Punktzahl von 10, wobei jedes Gelenk nur einen Punkt erhält- egal ob beide Seiten positiv sind (Bulbena et al., 1992).

Durch die Miteinbeziehung vieler Gelenke und die breite Verteilung bildet dieses Kriterium eine generalisierte Hypermobilität am besten ab (Malek et al., 2021).

Abbildung 5. Hospital del Mar Kriterien

Fazit

Obwohl der Rotès-Quérol-Score und die Hospital del Mar Kriterien deutlich mehr Gelenke mit einbeziehen und dadurch eine bessere Abbildung einer generalisierten Gelenkshypermobilität ermöglichen, haben sich diese Messinstrumente nicht durchgesetzt. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sie deutlich zeitaufwändiger als der Beighton-Score sind (Malek et al., 2021).

Der Beighton-Score wird sowohl in der Forschung als auch zur Diagnose verwendet- dies obwohl er nie als Diagnosetool gedacht war (Beighton & Horan, 1969; Beighton et al., 1973; Malek et al., 2021; Malfait et al., 2017).

Welche Folgen das für Betroffene haben kann und was weitere Kritikpunkte am Beighton-Score sind, erfährst du im Blogbeitrag «Die Tücken des Beighton-Scores».

Hey hey, ich bin Livia : )

Bin selbst von hEDS, POTS und weiteren Begleiterkrankungen betroffen und weiss, wie herausfordernd der Alltag mit diesen Erkrankungen ist. Als Drogistin und Wissenschafts-Enthusiastin habe ich mich intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt, unzählige Studien gelesen und an Vorträgen und Events der Ehlers-Danlos Society teilgenommen.

Hier findest du fundierte Informationen, praktische Tipps und persönliche Einblicke, die dir helfen sollen, deinen Weg mit hEDS besser zu meistern. Dieser Blog ist für alle, die Antworten suchen, sich allein fühlen oder einfach Unterstützung brauchen. Du bist hier genau richtig – schön, dass du da bist!


Lass uns quatschen

Discover more from Ehlers-Danlos Forum

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading