Verdacht hypermobiles Ehlers-Danlos Syndrom – was nun?

Verdacht hypermobiles Ehlers-Danlos Syndrom – was nun?

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Inhalt:

Die erste Verunsicherung

Wenn du hier gelandet bist, vermutest du wahrscheinlich, an hEDS (hypermobiles Ehlers-Danlos-Syndrom) oder HSD (Hypermobilitäts-Spektrum-Störung) erkrankt zu sein.

Dieser Verdacht kann zweierlei Gefühle auslösen:

  • Erleichterung, weil deine Beschwerden endlich einen Namen haben könnten.
  • Überforderung, weil viele Fragen auftauchen und die Suche nach den richtigen Anlaufstellen beginnt.

💡 Wichtig: Du kannst einiges tun, um den Diagnoseprozess zu erleichtern – zum Beispiel Symptome dokumentieren, Befunde sammeln und dich über die Diagnosekriterien informieren.


Symptome erkennen und dokumentieren

Ein wichtiger Schritt ist, deine Beschwerden festzuhalten. Das hilft dir dabei, Ärzt*innen ein klares Bild deiner Situation zu vermitteln.

Typische Hauptmerkmale

  • Generalisierte Hypermobilität (Überbeweglichkeit vieler Gelenke).
    👉 Nutze dafür den Beighton-Score oder ergänzende Tests wie den Hospital del Mar Score beachte dabei altersspezifische Grenzwerte
  • Gelenkprobleme: Instabilitäten, Subluxationen (teilweise Ausrenkungen), Luxationen (komplette Ausrenkungen), Verletzungsanfälligkeit oder gescheiterte Gelenk-OPs.
  • Chronische Schmerzen des Bewegungsapparates.
  • Hautauffälligkeiten: samtig-weiche Haut, leichte Überdehnbarkeit der Haut, schlechte Wundheilung, schnelle Blutergüsse, eingesunkene Narben.

Häufige Begleitsymptome

  • Verdauungsbeschwerden, Kreislaufprobleme, chronische Müdigkeit, Allergien, neurologische Symptome wie Missempfindungen oder Migräne.
  • Familiengeschichte: ähnliche Probleme bei Eltern, Geschwistern oder Grosseltern?

💡 Tipp: Erstelle eine Symptomliste. Notiere:

  • Was? (z. B. Übelkeit, Schulterschmerzen)
  • Wann? (seit wann, wie oft, in welchen Situationen)
  • Wie stark? (z. B. Schmerzskala 1–10, woran hindern dich die Beschwerden?)

Beispiel: „Übelkeit nach dem Essen, so stark, dass nur kleine Portionen gegessen werden können.“


Ärztliche Abklärung – der nächste Schritt

Wenn du eine gute Übersicht über deine Symptome hast, stellt sich die Frage: Wohin mit all den Informationen?

Hausarzt/Hausärztin als erste Anlaufstelle

  • Bring die 2017er hEDS-Diagnosekriterien mit und fülle sie vorher so gut es geht aus.
  • Erstelle eine Liste deiner Diagnosen, Symptome und Medikamente – weitere Infos hier
  • Bitte um Überweisungen zu passenden Fachärzt*innen.

Mögliche Untersuchungen beim Hausarzt

  • Klinische Untersuchung: Beweglichkeit (Beighton-Score), Hautbeschaffenheit, Narben etc..
  • Bluttests: Schilddrüse, Vitamine, Autoimmunmarker.

Fachärzt*innen für die weitere Abklärung

  • Rheumatologie → Ausschluss von Autoimmunerkrankungen. Einige diagnostizieren hEDS.
  • Kardiologie → Ultraschall des Herzens -> Beurteilung Herzklappen, Aorta.
  • Humangenetik → Ausschluss anderer EDS-Typen, Marfan- oder Loeys-Dietz-Syndrom. Einige können hEDS diagnostizieren.
  • Orthopädie → Beurteilung von Gelenkstabilität und Abnutzungen.
  • Neurologie → Ausschluss von Muskelerkrankungen.
  • Schmerzmedizin, Physio- & Ergotherapie → frühzeitige Unterstützung im Symptommanagement.

👉EDS kundige Ärzt*innen findest du hier und hier

Abklärung möglicher Begleiterkrankungen

Wenn du bestimmte Symptome hast, können weitere Fachrichtungen sinnvoll sein:

  • Dysautonomie/POTS → Kardiologie oder Neurologie.
  • Magen-Darm-Beschwerden → Gastroenterologie.
  • Blasenprobleme/-Senkung → Urologie oder Urogynäkologie.
  • Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) → Allergologie/Immunologie.
  • Small-Fiber-Neuropathie (Nervenstörung mit Brennen oder Taubheit) → Neurologie.
  • Instabilitäten der Halswirbelsäule (CCI/AAI) oder Tethered-Cord-Syndrom → Neurochirurgie.

💡 Tipp: Lege dir einen Befundordner mit Registerkarten an (Laborwerte, Arztberichte, OP-Berichte, Bildgebung) und nimm ihn zu Terminen mit.

👉 Mehr dazu im Beitrag: [Vorbereitung auf den Diagnosetermin]

👉EDS kundige Ärzt*innen findest du hier und hier


Differentialdiagnosen/ andere mögliche Ursachen für die Symptome

Viele Beschwerden bei hEDS/HSD können auch bei anderen Erkrankungen vorkommen. Deshalb ist ein Ausschlussverfahren nötig:

  • Andere Bindegewebserkrankungen: Marfan-Syndrom, Loeys-Dietz-Syndrom, andere Typen des EDS- insbesondere der cEDS und clEDS verursachen ähnliche Beschwerden wie hEDS.
  • Rheumatologische Erkrankungen: rheumatoide Arthritis, Lupus.
  • Benigne Hypermobilität: Gelenkbeweglichkeit ohne Krankheitswert (keine Schmerzen, keine Einschränkungen).
  • Diverse Ursachen: Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmängel, Lyme-Borreliose.

Was du in der Wartezeit tun kannst

Die Abklärung dauert oft Monate. Aber du kannst in dieser Zeit schon aktiv etwas für dich tun:

  • 📓 Symptomtagebuch führen (Datum, Beschwerden, Auslöser, Einschränkungen).
  • 🏊‍♀️ Schonende Bewegung: Schwimmen, Radfahren, sanftes Muskeltraining (am besten mit Physiotherapeut*in und/oder Ärzt*innen absprechen).
  • 🛠️ Alltag anpassen: Gelenkschonend leben, Hilfsmittel nutzen, Arbeitsplatz ergonomisch gestalten.
  • 👥 Community & Selbsthilfegruppen: Austausch gibt Rückhalt und Tipps.
  • 🧠 Psychische Gesundheit stärken: Der Weg zur Diagnose ist oft belastend. Psychotherapie, Telefonseelsorge oder Selbsthilfeangebote können helfen.

Realistische Erwartungen

  • hEDS ist eine klinische Diagnose – es gibt keinen Bluttest oder bildgebendes Verfahren, das sie eindeutig bestätigt.
  • Die Diagnose erfordert Geduld, da andere Ursachen systematisch ausgeschlossen werden müssen.
  • Auch ohne endgültige Diagnose können deine Symptome bereits behandelt werden (z. B. Schmerztherapie, Orthesen, Hilfsmittel, Physio- und Ergotherapie).

Fazit

  • Hab Geduld – der Weg zur Diagnose ist oft lang, aber du kannst ihn aktiv unterstützen.
  • Bereite dich gut auf Termine vor: informiere dich, sammle Unterlagen, notiere Fragen.
  • Lass dich nicht entmutigen: Deine Symptome sind real und verdienen es, ernst genommen zu werden.
  • hEDS ist nicht so selten, wie lange angenommen: neuere Studien gehen von einer Häufigkeit von 1:3001:500, statt der bisher angenommenen 1:5000, aus.
  • Erfüllst du die Kriterien für hEDS nicht, kommt möglicherweise eine Hypermobilitäts-Spektrums-Störung (HSD) in Frage.

👉 Weiterführende Blogposts:


Checkliste

✅ Symptome notieren inkl. Beginn, Verlauf, Einschränkungen.
✅ Familienanamnese erfragen -> gibt es ähnliche Probleme bei Verwandten?
✅ Symptomtagebuch starten -> wann treten welche Beschwerden auf?
hEDS-Diagnosekriterien (2017) -> anschauen und ausfüllen.
✅ Befunde sammeln -> Labor, Bildgebung, Arztberichte.
✅ Hausarzttermin vereinbaren & vorbereitet hingehen.
✅ Überweisungen an Fachärzt*innen erbitten.
✅ Fragenliste erstellen z. B. „Welche Untersuchungen sind sinnvoll?“.
✅ Erste Selbsthilfemassnahmen beginnen -> leichte Bewegung, Ergonomie, Gemeinschaft suchen.

Hey hey, ich bin Livia : )

Bin selbst von hEDS, POTS und weiteren Begleiterkrankungen betroffen und weiss, wie herausfordernd der Alltag mit diesen Erkrankungen ist. Als Drogistin und Wissenschafts-Enthusiastin habe ich mich intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt, unzählige Studien gelesen und an Vorträgen und Events der Ehlers-Danlos Society teilgenommen.

Hier findest du fundierte Informationen, praktische Tipps und persönliche Einblicke, die dir helfen sollen, deinen Weg mit hEDS besser zu meistern. Dieser Blog ist für alle, die Antworten suchen, sich allein fühlen oder einfach Unterstützung brauchen. Du bist hier genau richtig – schön, dass du da bist!


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